Einleben und Erleben

Wie lang bin ich schon in meiner Einsatzstelle? Ich bin doch gerade erst angekommen? Ach das war heute morgen! Kann das alles alles heute passiert sein? War das Festival nicht gestern? Vor einer Woche? Am ersten Wochenende? Ist die Schafgeschichte schon wieder eine Woche her? Mein Zeitgefühl ist dahin…

Jedenfalls bin ich bereits zweieinhalb Wochen in meiner Einsatzstelle und werde mal einen kleinen Zeitraffer machen, von dem was ich bisher so erlebt habe:

Die ersten Tage bestanden unter anderem daraus, meine Cabane, die kleine Holzhütte in der ich wohne, einzurichten. Ich habe zu Beispiel Tücher aus der Gratuiterie, dem kostenlosen Second-Hand-Laden (aus dem auch ca. 50 % der Klamotten die ich hier habe kommen) der Waldorfschule an die Wände gehängt, Spiegel und Teppich platziert und hatte den einen oder anderen Struggel mit der Elektrizität. Die Hütte ist quasi gar nicht isoliert, für die kälteren Tage steht mir aber eine Mini-Heizung zur Verfügung. Morgens aufstehen ist aber jetzt schon nicht verlockend…

Daran und an den dauerhaften Dreck unter den Fingernägeln, Splittern in den Füßen, Stroh im Bett, immer fremde Menschen (Gäste) vor der Tür, das nächtliche Kratzen (wahrscheinlich Ratten) an den Wänden und Spinnen in der Dusche habe ich mich bereits gewöhnt. Der Wochenplan dagegen, den wir aufgestellt haben, ist immer noch auf Probe und bei all den neuen Eindrücken bin ich noch ziemlich überfordert. Eine Struktur mein Alltag noch nicht und es ist schwer sich alles auf einmal zu merken: Namen, Schubladen, Atelier oder Utelier, Bedienung von Geräten, Futtermengenangaben und was das alles auf französisch heißt, auch wenn ich es bereits tausendmal gehört habe. Auch an das enge Zusammenleben in einer Lebensgemeinschaft muss ich mich natürlich erst gewöhnen, die Sprachbarriere überwinden (wir sprechen noch einen Mix aus deutsch, englisch und französisch) und mit den Menschen hier warm werden. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Kilometer mich von meinem alten Zuhause trennen überkommt mich doch oft noch das Heimweh… Auch wenn der Ort hier wirklich paradiesisch und noch vielseitiger und spannender ist, als ich zuerst gedacht habe.

Ein paar von den Projekten, die hier gerade angesagt sind, sind der Bau eines neuen Hühnerstalls, bessere Öffentlichkeitsarbeit, ein neuer Gemüsegarten mit Permakultur, und ein neues Mobilhaus für neue Leute. Ich habe jetzt schon so viel gelernt, über Bohrmaschinen, Elektrozäune, Holzarbeiten, richtige Gartenbewässerung, den Umgang mit Witterungsbedingungen und kreative Müllvermeidung. Dazu machen wir jede Woche ein Zero-Waste-Basteln, wo wir Spülschwämme aus alten Socken, Frischhaltefolie aus Stoff mit Bienenwachs und Harz oder Seedbombs für den Marktstand hergestellt haben. Wie das geht, kann ich mal in nem anderen Beitrag erklären 🙂 Außerdem lerne ich quasi alles, was um mich herum wächst zu essen und zuzubereiten. Meine Top 3 bisher: Brennesseltee, Rote-Beete-Blatt-Salat, Tomatenphysalis.

Zeit für mich allein ist mir trotz den ganzen tollen Freizeitaktivitäten/Möglichkeiten und dem vielen netten Besuch irgendwie plötzlich sehr wichtig geworden. Zum Lesen und Gitarre spielen bin ich noch kein einziges Mal gekommen, nichts desto trotz bin ich dankbar für den Markt in Bourbon, wo sich jeder kennt und man nur gute Sachen kaufen kann, das Herumalbern mit der kleinen Lou und Nina, den Badetag an der Allier mit Louise und Salomé (eine junge rastlose Eurythmieauszubildende und ihre Tochter, die gleichzeitig mit uns ihr Leben auf La Caille begonnen haben), das kleine Woodstockfestival, die Soirées am Échoppe auf La Mhotte, um die anderen Freiwilligen und Backpacker/Wwoofer zu treffen, das Yoga, den „Marche pour la terre“ (eine Klimademo in Moulins), das Babysitting und die Filmabende mit den anderen Freiwilligen. Bis zum offiziellen Herbstanfang hatten wir hier tatsächlich noch namenswürdigen Hochsommer!!

Den Herbst haben wir dann aber auch intensiv begrüßt, da es hier an der Waldorfschule jedes Jahr zur Sonnenwende das Fest des St. Michael gibt, zu dem sich alle komplett in rot gekleidet um 7 Uhr morgens treffen um solidarisch mit dem Licht den Sonnenaufgang zu bestaunen, den Sommer zu verabschieden, Choreographien der Schüler zu sehen und Lieder zu singen. Dazu sind wir durch den Wald an eine Lichtung marschiert, die ich und eine Freundin vorher schon als unsere Lieblingsstelle an einem Brunnen auserkoren hatten. Es war schon etwas abgedreht aber hatte auf jeden Fall was Schönes, Wertschätzdendes. Außerdem gab es Kuchenfrühstück unter anderem mit Lottes Cupcakes aux Courgette, die trotz (oder gerade wegen?) der Zuccini mega lecker sind. Werde das Rezept mal posten.

Zum Schluss noch zwei lustige Tiergeschichten: Letzte Woche sind die drei Schafe und der schwerbehinderte Esel names Cadeau (Geschenk), die unzertrennlich sind, vom Foyer Michael, wo sie für ein paar Wochen unterebracht waren, ausgebüchst und den gesamten ca. 15-minütigen Weg allein durch den Wald über eine Brücke wieder zu uns nach Hause gelaufen. Wer das Gatter offen gelassen hat werden wir wohl nie erfahren… Ich tippe mal auf Waldgnome.

Außerdem haben wir ein kleines Küken, was von zwei Mamas betreut den ganzen Tag über den Hof läuft. Das lesbische Hühnerpaar ist ein super Beweis für eine erfolgreiche Homoelternschaft selbst im Tierreich.

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